Wird das Pflegeheim unbezahlbar?
Die soziale Pflegeversicherung befindet sich in einer massiven finanziellen Schieflage. Ohne wirksame Maßnahmen werden die Eigenanteile von Heimbewohner*innen so weit steigen, dass für viele Menschen der Umzug ins Pflegeheim unbezahlbar wird. Auf einer Pressekonferenz im März 2026 warnten die Diakonie Deutschland und der Deutsche Evangelische Verband für Altenarbeit und Pflege e.V. (DEVAP): „Die Pflegeversicherung steht vor dem Konkurs.“
„Pflege darf nicht arm machen“, mahnte Elke Ronneberger. Die Bundesvorständin Sozialpolitik der Diakonie Deutschland forderte die Bundesregierung auf, endlich für eine verlässliche Finanzierung der Pflege zu sorgen. Derzeit hat die soziale Pflegeversicherung ein doppeltes Finanzierungsproblem: Es steigen sowohl die Beitragssätze als auch die Eigenanteile der Heimbewohner*innen. Experten schätzen: Ohne weitere Maßnahmen zur Begrenzung des Eigenanteils wird dieser bis 2035 auf rund 5.000 Euro pro Monat steigen – für viele würde das Pflegeheim unbezahlbar.
„Wir brauchen ein Finanzierungsmodell, das die pflegebedürftigen Menschen und ihre Angehörigen entlastet und trotzdem gute Pflege ermöglicht", betonte Ronneberger. „Wenn künftig weniger Erwerbstätige Beiträge zahlen, gerät das heutige Finanzierungssystem der Pflegeversicherung zunehmend unter Druck.“
Sichere Finanzierung durch eine Pflegebürgerversicherung
Diakonie Deutschland und DEVAP schlagen mehrere Maßnahmen zur Stabilisierung der Pflegeversicherung vor. Dazu zählen vor allem
- die Rückerstattung der Mittel zur Bewältigung der Corona-Pandemie,
- eine stärkere Belastung wohlhabenderer Menschen durch die Anhebung der Versicherungspflichtgrenze,
- perspektivisch eine Pflegebürgerversicherung, in die alle Bevölkerungsgruppen einbezogen werden.
Daneben gibt es eine weitere wichtige Maßnahme, um zu verhindern, dass das Pflegeheim unbezahlbar wird: den sogenannten Sockel-Spitze-Tausch. Dabei wird der Eigenanteil festgeschrieben, den die Versicherten im Pflegeheim zahlen müssen. Alle darüber hinausgehenden Kosten übernimmt die Pflegeversicherung. So würde etwa eine Deckelung der Eigenanteile bei 1.000 oder 1.200 Euro den Anteil der auf Hilfe zur Pflege angewiesenen Heimbewohnenden deutlich reduzieren.
Pflegebedürftige Menschen brauchen Klarheit
Anna Leonhardi, Mitglied des Vorstands des DEVAP e.V., erklärte dazu: „Nur der Sockel-Spitze-Tausch ermöglicht eine dauerhafte Begrenzung der pflegebedingten Eigenanteile, schafft Kalkulierbarkeit und löst damit das Kernversprechen einer echten Pflegereform ein.“ Sie forderte, dass Versicherte, die lebenslang Beiträge geleistet haben, Klarheit über ihre maximalen finanziellen Belastungen im Pflegefall benötigen. Erst durch eine solche Deckelung werde das „Lebensrisiko Pflege“ für die Menschen wieder berechenbar. Niemand sollte Angst haben müssen, dass das Pflegeheim unbezahlbar wird.
Diese Forderung wird durch wissenschaftliche Analysen gestützt. Der Gesundheitsökonom Heinz Rothgang vom Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik legte dar, dass das Modell des Sockel-Spitze-Tausches die Eigenanteile langfristig stabilisieren kann, ohne die Versicherung überproportional zu belasten. „Nur mit einem Sockel-Spitze-Tausch lassen sich die pflegebedingten Eigenanteile und der Anteil der auf Sozialhilfe angewiesenen Heimbewohnenden dauerhaft begrenzen", sagte Rothgang. „Die daraus resultierenden Mehrausgaben der Pflegeversicherung können ohne Beitragssatzsteigerungen finanziert werden, wenn weitere Einkunftsarten verbeitragt werden, die Beitragsbemessungsgrenze angehoben und ein Finanzausgleich zwischen sozialer und privater Pflegeversicherung installiert wird.“
