Herbert-Lewin-Preis: Zwei Ärztinnen für ihre Forschung zur NS-Medizin geehrt

Der Herbert-Lewin-Preis würdigt die Aufarbeitung der Geschichte der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus.
Dr. Dr. Lea Münch (rechts im Bild) und Dr. Dana Derichs sind die Preisträgerinnen des Herbert-Lewin-Preises 2025; Fotos: © axentis/Lopata

Wenig bekannt, aber wichtig – der Herbert-Lewin-Preis würdigt die Aufarbeitung der Geschichte der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. 2025 ging der Forschungspreis an die beiden Ärztinnen Dr. Dr. Lea Münch und Dr. Dana Derichs.

Der Herbert-Lewin-Preis wurde 2025 bereits zum zehnten Mal verliehen. Diesmal ehrte die Auszeichnung zwei wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit medizinischen Schicksalen in der NS-Zeit auseinandersetzen. Den ersten Preis erhielt Lea Münch von der Universität Magdeburg: In ihrer Arbeit beschäftigt sich die in Humanmedizin und Zeitgeschichte promovierte Wissenschaftlerin mit der Situation an der Psychiatrischen Klinik der „Reichsuniversität“ Straßburg in den Jahren 1940 bis 1944.

Dazu wertete Münch neben unzähligen Krankenakten auch Register, Briefe, Fotografien und Gerichtsakten aus. Sie führte außerdem Gespräche mit Angehörigen der Menschen, die damals in der Straßburger Klinik behandelt wurden. „Die Erfahrung, in dieser Zeit in der Psychiatrie Patientin oder Patient gewesen zu sein, blieb lange ungehört“, erklärt Lea Münch zur Motivation für ihre Forschung. Sie zeichnet die Lebenswege von fünf Protagonist*innen detailliert nach – anhand ihres Weges in die Institution, des dortigen Anstaltsalltags und ihres späteren Schicksals.

Bericht aus der Opferperspektive

Die Forscherin habe mit ihrer akribisch recherchierten Arbeit Neuland betreten, so die Jury: Münch beleuchte in anrührender und zugleich spannender Weise den Alltag in der damaligen Psychiatrie. „Besonders hervorzuheben ist die tiefgehende und plastische Skizzierung der Insassen, die das Geschehene anschaulich beschreibt und greifbar machen lässt. Im Fokus steht die Herausarbeitung der Opferperspektive und ihres leidvollen Erlebens – und hier insbesondere die Pein, welche die mit Elektroschocks zwangsbehandelten Insassen erleiden mussten“, heißt es in der Begründung zum Herbert-Lewin-Preis.

Nicht nur in der Öffentlichkeit, auch in den Familien der Betroffenen blieb das Schicksal ihrer Angehörigen nicht selten ein Tabu. Bisweilen war es sogar noch nicht einmal bekannt, wie Lea Münch bei ihren Recherchen erfuhr: „Die Betroffenen blieben bis in die 80er Jahre hinein in der deutschen und französischen Nachkriegsgesellschaft unsichtbar und wurden nicht Teil des jeweiligen kollektiven Gedächtnisses.“

Herbert-Lewin-Preis erinnert auch an verfolgte Ärztinnen

Mit dem Herbert-Lewin-Preis geehrt wurde auch Dana Derichs. Ihre Arbeit trägt den Titel „Die Medizinstudentinnen der Universität Erlangen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus“. Derichs fokussiert dabei nicht nur auf die damaligen Medizinstudentinnen im Allgemeinen, sondern insbesondere auch auf die Jüdinnen, die dort bis 1933 studieren konnten und später in großer Zahl emigrieren mussten. „Frau Dr. Derichs beleuchtet in ihrer detaillierten, umfassenden und gleichfalls sehr akribischen Studie am Beispiel der Universität Erlangen die schwierige Situation und die politischen Anfeindungen, denen jüdische Medizinstudentinnen von der Zeit der Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus ausgesetzt waren", sagt die Jury in ihrer Begründung.

Der Herbert-Lewin-Preis hat zum Ziel, die historische Aufarbeitung der Rolle der Ärzteschaft im Dritten Reich zu fördern. Zugleich soll er an engagierte Ärztinnen und Ärzte erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Der Preis wird gemeinsam vom Bundesministerium für Gesundheit, der Bundesärztekammer, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Bundeszahnärztekammer und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung vergeben. Die Auswahl der Preisträger*innen erfolgt durch eine unabhängige Jury. Die Jurymitglieder werden von den Trägerorganisationen benannt, zudem gehören ein Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie ein Vertreter jüdischer Ärztinnen und Ärzte dazu.

 

Wer war Herbert Lewin?

Herbert Lewin (1899-1982) arbeitete nach dem Medizinstudium zuerst in der jüdischen Poliklinik in Berlin. Ab 1937 war er bis zu seiner Deportation Chefarzt im Jüdischen Krankenhaus in Köln. Nach der Befreiung nahm Lewin seine Arzttätigkeit wieder auf. In den Jahren 1963 bis 1969 bekleidete er das Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland.