Epigenetik: Wie unser Lebensstil unsere Gene steuert

Die Epigenetik zeigt, wir sind unseren Genen nicht schutzlos ausgeliefert.
Foto: KI-generiert

Warum bleiben manche Menschen trotz ähnlicher Erbanlagen gesund, während andere krank werden? Die Antwort liegt in der Epigenetik. Die gute Nachricht darin: Unsere genetische Grundausstattung ist kein unveränderbares Schicksal. Sie kann durch Ernährung, Sport und Schlaf aktiv beeinflusst werden.

Stellen Sie sich das Genom wie ein Buch vor: Der Text, also die DNA, steht fest, doch die Epigenetik entscheidet, welche Kapitel gelesen werden und welche ungelesen bleiben. Sie funktioniert wie ein biologischer Lichtschalter, der Gene an- oder ausschaltet.

Was genau ist die Epigenetik?

Der Begriff Epigenetik kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt „zusätzlich zur Genetik“. Während die klassische Genetik die feste Bauanleitung unseres Körpers beschreibt, den DNA-Code, bestimmt die Epigenetik, wie diese Anleitung genutzt wird. Man kann sich das vorstellen wie ein Musikstück: Die Noten auf dem Papier stehen unumstößlich fest – das sind unsere Gene. Die Epigenetik ist der Dirigent. Er entscheidet, welche Instrumente laut spielen dürfen, welche Passagen leise flüstern und welche Teile komplett stumm bleiben.

Warum Bienenköniginnen älter werden als Arbeitsbienen

Wie mächtig dieser Mechanismus ist, zeigt die Natur: Bienenköniginnen und Arbeiterinnen haben exakt dieselben Gene. Allein die Nahrung im Larvenstadium – der königliche Gelee-Royale-Saft – sorgt dafür, dass aus einer normalen Biene eine langlebige Königin wird. „Die Karten sind uns mit den Genen gegeben, aber wir können die Karten, die wir spielen wollen, selbst auswählen – durch Sport, Schlaf oder Ernährung“, erklärt der Molekularbiologe und Arzt Prof. Sascha Venturelli von der Universität Hohenheim und dem Universitätsklinikum Tübingen.

Wie Vitamine die Gen-Schalter bedienen

Damit der molekulare Schaltplan im Körper reibungslos funktioniert, braucht er die passenden Bausteine: Mikronährstoffe. Vor allem bestimmte Vitamine haben direkten Einfluss darauf, ob wichtige Schutzgene aktiv sind oder schädliche Gene stummgeschaltet werden:
  • Folat (Vitamin B9) & Vitamin B12: Sie liefern wichtige chemische Markierungen, die wie kleine „Stopp-Schilder“ auf die Gene gesetzt werden, um sie zu regulieren.
  • Vitamin C: Es hilft dem Körper dabei, diese Schalter bei Bedarf auch wieder umzulegen und Gene zu reaktivieren.
Obwohl diese Vitamine für eine gesunde Genregulation entscheidend sind, nehmen viele Menschen in Deutschland laut offiziellen Daten der Nationalen Verzehrsstudie zu wenig davon auf:
  • Rund 80 Prozent der Erwachsenen erreichen die empfohlene Menge an Folat nicht.
  • Bei Vitamin B12 betrifft der Mangel etwa 10 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen.
  • Auch bei Vitamin C erreichen rund 30 Prozent die Empfehlungen nicht.
Auch für die Vitamine A, D, E und K gibt es deutliche Hinweise, dass sie die Genaktivität positiv beeinflussen, wenngleich hier noch viel Forschungsarbeit vor den Wissenschaftlern liegt. Vitamine zeigen messbare, positive Effekte auf unsere Gen-Schalter – die Epigenetik bietet damit eine riesige Chance für die gezielte Krankheitsprävention im Alltag, so der Pharmakologe Dr. Markus Burkard vom Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Hohenheim und dem Universitätsklinkum Tübingen.

Tipps für den Alltag

Die Epigenetik zeigt, wir sind unseren Genen nicht schutzlos ausgeliefert. Einfache Regeln für den Alltag lauten:
  • Bunt und frisch essen (Folat & Vitamin C): Bringen Sie viel grünes Gemüse (wie Spinat, Salat, Brokkoli) und Hülsenfrüchte auf den Teller. Sie sind die besten Lieferanten für Folat. Kombinieren Sie dies mit Zitrusfrüchten, Beeren oder Paprika für die nötige Dosis Vitamin C, die den Schalterservice im Körper unterstützt.
  • Auf Vitamin B12 achten: Da dieses Vitamin fast nur in tierischen Lebensmitteln (Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte) vorkommt, sollten besonders Vegetarier und Veganer ihre Werte regelmäßig überprüfen lassen und gegebenenfalls gezielt ergänzen.
  • Sport ist alles andere als Mord: Schon 30 Minuten zügiges Spazierengehen oder leichtes Training am Tag senden positive Signale an unsere Zellen und helfen dabei, „gute“ Gene anzuschalten.
  • Schlaf als Gen-Reparatur nutzen: Im Tiefschlaf laufen die epigenetischen Reparaturprozesse auf Hochtouren. Achten Sie auf regelmäßige Schlafzeiten und sieben bis acht Stunden Ruhe.
  • Lücken gezielt schließen: Da laut Studien viele Menschen die empfohlenen Mengen an kritischen Vitaminen (wie Folat oder Vitamin D) über die normale Nahrung nicht erreichen, können hochwertige Mikronährstoff-Präparate aus der Apotheke eine sinnvolle Unterstützung für den Alltag sein.