Ein starker Vagusnerv schützt das Herz

Ein starker Vagusnerv kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen möglicherweise vorbeugen.
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Seelische Belastungen können auf Dauer die Herzgesundheit beeinträchtigen. So sagen wir zum Beispiel, dass das Herz „vor Freude hüpft“ oder „vor Schmerz bricht“. Aktuelle Studien bestätigen den Wahrheitsgehalt dieser Redewendungen und eröffnen gleichzeitig Möglichkeiten, dem erhöhten Infarktrisiko durch Stress vorzubeugen. Ein zentraler Ansatzpunkt dabei ist der Vagusnerv.

Das Herz und unser Gefühlsleben haben eine ganz besondere Verbindung. Aktuelle Studien enthüllen immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse dazu, wie Hirn und Herz kommunizieren – und wie das erhöhte Infarktrisiko durch Stress entsteht. Dass chronische seelische Belastungen das Herz in Mitleidenschaft ziehen können, ist schon länger bekannt. Die neuesten Untersuchungen zeigen aber auch: Wir können vorbeugen und das Herz vor den schädlichen Auswirkungen von chronischem Stress, Angst oder Depressionen schützen.

„Ein zentraler Ansatzpunkt könnte dabei der Vagusnerv sein. Er transportiert Signale vom Gehirn zum Herzen“, berichtet Dr. Cora Stefanie Weber, Chefärztin der Fachabteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in der Klinik Henningsdorf, Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité Universitätsmedizin Berlin. „Der Vagusnerv gehört zum parasympathischen Nervensystem, das für die Entspannung zuständig ist.“ Den Gegenpart bildet das sympathische Nervensystem, das bei Stress aktiviert ist und den Herzschlag beschleunigt sowie den Blutdruck erhöht.

Den Vagusnerv stärken bringt Entspannung

Normalerweise sollten sich sympathisches und parasympathisches Nervensystem im Gleichgewicht befinden. Doch viele Menschen leiden heute unter chronischem Stress: Ihr sympathisches Nervensystem ist ständig überaktiv und macht sie krank. Bei diesen Personen gilt es, den Vagusnerv zu stärken. Anhand der sogenannten Herzratenvariabilität (HRV) lassen sich Gefährdete erkennen, erklärt Cora Stefanie Weber. Diese Messgröße erfasst die unterschiedlichen Abstände zwischen den Pulsschlägen. Jüngere, herzgesunde Menschen und Sportler haben in der Regel eine hohe Herzratenvariabilität: Bei körperlicher oder emotionaler Belastung wird der Sympathikus aktiviert, was Herzfrequenz, Blutdruck und Atemfrequenz steigen lässt. Doch im Anschluss entfaltet der Vagus seine erholsame, entspannende Wirkung – Puls und Blutdruck sinken rasch wieder.

Doch diese Regulation funktioniert nicht bei allen Menschen gleich gut. Zum einen nimmt mit dem Alter die Herzratenvariabilität ab: Blutgefäße sind durch Ablagerungen verhärtet und weniger elastisch. Zum anderen ist die HRV auch bei Diabetes, Bluthochdruck oder Herzschwäche eher niedrig – und bekanntlich das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen erhöht.

Infarktrisiko durch Stress - auch bei emotionalen Belastungen

Eine weitere Risikogruppe sind Menschen mit Angst- und Panikstörungen. Sie haben, wie Studien zeigen, ebenfalls ein im Vergleich zur übrigen Bevölkerung signifikant erhöhtes Infarktrisiko. „Man nimmt an, dass es ihrem Gehirn nicht mehr gelingt, Angstreaktionen ausreichend zu unterdrücken", so Dr. Weber. „Ihr Vagusnerv ist gehemmt und sie geraten so in chronischen Stress.“ Und auch hier hat sich in Studien ein Zusammenhang mit der HRV herstellen lassen: Menschen mit hoher HRV (und damit einem aktiven Vagusnerv) haben eine bessere Emotionskontrolle und ein besseres emotionales Wohlbefinden.

Die Psychokardiologie bietet Hilfe

Als Konsequenz rät Weber: „Patienten mit Angststörungen sollten für ihre meist unkontrolliert auftretenden dysfunktionalen Emotionen sensibilisiert werden und schrittweise eine bessere Kontrolle über ihr Leben erlangen. Dies ist im Rahmen einer psychosomatischen Fachbehandlung stationär, teilstationär und ambulant möglich. Fördert man das Wahrnehmen von Emotionen therapeutisch, lässt sich die Funktion des Herzens günstig beeinflussen.“

Tatsächlich hält die Psychokardiologie zunehmend Einzug in die kardiologische Rehabilitation. „Wir wissen aus Studiendaten und der täglichen Erfahrung mit belasteten Herzpatienten, wie wichtig psychotherapeutische Hilfen für sie sind“, betont Cora Stefanie Weber. „Die Umsetzung im Versorgungsalltag indes lässt noch einen deutlichen Spielraum nach oben, auch in der Akutbehandlung.“

So können Sie den Vagusnerv und Ihr Herz stärken

Studien belegen: Herzkranke Menschen profitieren oftmals von psychotherapeutischen Maßnahmen – Depressivität, Angstsymptome, Stress und die Sterblichkeit nehmen ab. Folgende Maßnahmen können helfen, das Infarktrisiko durch Stress zu vermindern:

  • Psychotherapeutische Gespräche;
  • Entspannungsverfahren (z.B. aktiviert tiefe Bauchatmung den Vagusnerv);
  • Ausdauersport (wirkt ebenfalls positiv auf die Vagusnerv-Aktivität);
  • Kunst- und Körpertherapie;
  • ein besseres Stress-Management;
  • gesunde Ernährung;
  • auf Normalgewicht achten;
  • möglichst geringer Konsum von Alkohol;
  • nicht rauchen;
  • ausreichend schlafen;
  • die verordneten Medikamente zuverlässig einnehmen;
  • regelmäßig Kontrolltermine vereinbaren und wahrnehmen.