Die Liebe, später
Was haben ein Roman über die Liebe und eine Herzklappen-Operation miteinander zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Im Buch von Gisa Klönne eine ganze Menge. Lesen Sie selbst.
In ihrem neuen Roman «Die Liebe, später» verbindet Gisa Klönne eine literarische Liebesgeschichte mit einer Erfahrung, die viele Menschen betrifft. Das Herz ist nicht nur Lebensmotor und universelles Symbol der Liebe – eine Operation am offenen Herzen kann auch das gewohnte Selbstbild erschüttern. Diese Erfahrung hat die Autorin selbst gemacht und ihr literarisch eine Form gegeben.
Operation geglückt, doch die Seele muss noch heilen
Romanfigur Kora hat eine Herzklappen-Operation hinter sich. Medizinisch gilt sie als genesen – doch innerlich ist nichts mehr selbstverständlich. Der Körper fühlt sich fremd an, das Vertrauen in die eigene Belastbarkeit ist brüchig und muss neu gefunden werden. Gleichzeitig geraten Beziehung, Arbeit und Lebensentwurf ins Wanken.
«Die Liebe, später» erzählt damit nicht nur von einer Ehe auf dem Prüfstand, sondern auch davon, wie sich Heilung anfühlen kann: körperlich, seelisch und existenziell.
Wie verändert sich die Liebe in der Dauernähe des Ruhestands?
Im Interview spricht Gisa Klönne über das Schreiben in einer Lebensphase, in der Gewissheiten brüchig werden – über Liebe in der ungewohnten Dauernähe des Ruhestands und darüber, wie ihre eigene Herzoperation zur existenziellen Zäsur und zum Ausgangspunkt dieses Romans wurde.
Aus dieser Erfahrung heraus entstanden die zentralen Fragen des Buches: Wie lebt man weiter, wenn vermeintliche Sicherheiten wegbrechen? Wie verändert sich Liebe in der ungewohnten Dauernähe des Ruhestands? Und wie findet man als Frau jenseits der 60 noch einmal neu zu sich selbst?
Welche Wahrheiten über die Liebe im Alter erzählt Ihr Roman uns, die wir lieber nicht hören wollen?
Etwa ab 60 rückt ja nicht nur die Rentenzeit näher, es zeigen sich auch die ersten Gebrechen – auf beiden Seiten. Ob man will oder nicht: Das Lebensende rückt ins Blickfeld. Für meine Hauptfigur Kora und ihren Mann Anselm umso deutlicher, als Kora erst kürzlich eine Herz-Operation überstanden hat. Mitten aus dem Leben gerissen, war dies – wie jede andere lebensbedrohliche Erkrankung auch – eine sehr existenzielle Erfahrung, die Kora zwar geheilt, aber zutiefst verunsichert zurücklässt. Als Konsequenz hat Anselm die Rente eingereicht, um mehr Zeit zu zweit zu verbringen. Und auf Koras Tisch liegt ein Aufhebungsvertrag für ihren Redaktionsjob.
Mehr Zeit zu zweit: Das könnte doch eigentlich schön sein. Was genau macht Kora so zu schaffen?
Als typische Vertreterin der Boomer-Generation sind für Kora Emanzipation und Unabhängigkeit absolut wichtig. Sie war beruflich erfolgreich und lebte mit Anselm glücklich gleichberechtigt in einer Wochenend-Ehe. Durch die Herz-OP war sie von einem Tag auf den anderen total schwach und auf die Hilfe anderer angewiesen: sowohl von den Ärzt*innen als auch von ihrem Mann Anselm. Sie will also nichts lieber, als zurück in ihr früheres Leben, doch das geht nicht. Und so steht für Kora alles noch einmal auf dem Prüfstand: Wer ist sie, wenn sie nicht mehr arbeitet? Ist sie schon bereit für einen Lebensabend mit Anselm? Und ist er wirklich die Liebe ihres Lebens?
Es gibt, abgesehen vom Alter, noch einen weiteren autobiografischen Bezug im Roman, nämlich die Herzklappen-Operation.
Ja, in der Tat. Ich selbst musste Anfang 2024 eine neue Herzklappe bekommen – eine Diagnose beinahe aus heiterem Himmel. Zuvor hatte ich geglaubt, ich sei einfach chronisch erschöpft von ein paar stressigen Jahren, die hinter mir lagen. Aber so war es nicht. Das Herz – so habe ich durch meine OP gelernt – ist der Lebensmotor. Ein «fühlendes Organ» sozusagen. Eine Operation am offenen Herzen signalisiert dem Körper: «Du bist tot.» Es braucht also Zeit, bis Herz und Seele begreifen, dass die OP doch noch nicht das Ende gewesen ist. Ein großes Gefühlswirrwarr. Und natürlich ist das Herz aufs Engste verbunden mit der Liebe – dem Thema dieses Buchs. Ich habe auch für mich selbst eine Weile gebraucht, um ausdrücken zu können, was die OP mit mir gemacht hat. Es war dann im nächsten Schritt sehr spannend, dafür eine literarische Erzählform zu entwickeln.
Wenn Sie die zentrale Botschaft des Romans auf einen Satz verdichten müssten: Was lehrt uns «Die Liebe, später» über die Liebe in der zweiten Lebenshälfte?
Eine Botschaft soll mein Roman eigentlich gar nicht haben. Doch vielleicht ist ein Satz aus der Checkliste, in der Kora auflistet, was sie gern früher gewusst hätte, recht passend: Dass nämlich «die wahre Herausforderung in der Liebe ist, die kleinen Gesten und Taten immer aufs Neue zu bemerken und zu würdigen.»
ÜBER DEN ROMAN
Seit über zwanzig Jahren sind Kora und Anselm glücklich verheiratet. Lange Zeit war das kinderlose Paar gut aufeinander eingespielt: sie, die erfolgreiche Journalistin, er, der Biologe, der Woche für Woche in die Hauptstadt pendelte. Doch nach einer Herz-OP findet Kora nicht mehr in ihre frühere Form zurück. Ihr Beruf, ihre Ehe, ihr Lebensentwurf – alles steht plötzlich infrage. Als ein Bekannter sie um Hilfe bittet, stürzt sich Kora in eine ungewöhnliche Recherche. Anselm wiederum hat die Rente eingereicht. Er will die verbleibende Zeit mit Kora genießen und einen lang gehegten Traum umsetzen: einen Libellenteich im Garten. Der sorgfältig zwischen Nähe und Distanz austarierte Ehealltag gerät aus dem Takt. Kora flüchtet – und begibt sich auf eine Reise zu Menschen und Orten, die sie als junge Frau geprägt haben. Wer ist sie einmal gewesen? Was hält das Leben noch für sie bereit? Und wie kann sie wieder mit Anselm glücklich sein?
Gisa Klönne, Die Liebe, später. Roman, 256 Seiten, ISBN 978-3-463-00075-6. Auch als E-Book erhältlich, ISBN: 978-3-644-02477-9
