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Zwangsstörungen: Leben in der Endlosschleife

Zwangsstörungen: Leben in der Endlosschleife
© Fotolia

Stundenlang duschen, zigmal den Herd kontrollieren, unaufhörlich zählen, ordnen, putzen müssen – Zwangserkrankungen sind quälend und rauben Kraft, erfordern sie doch so viel Zeit, dass der Alltag nicht mehr zu meistern ist. Hobbys bleiben auf der Strecke, Beziehungen können unter der Last zerbrechen. Doch es gibt Hilfe.

Habe ich die Kaffeemaschine wirklich ausgeschaltet? Den Wecker gestellt? Die Bahntickets eingesteckt? Solche oder ganz ähnliche Gedanken kennen die meisten Menschen. Und schauen vorsichtshalber noch einmal nach, vielleicht sogar zweimal. Ein bisschen „Zwang“ steckt wohl in jedem und ist noch lange kein Grund zur Besorgnis. Im Gegenteil: Unser Alltag erfordert gewisse Zwänge und Rituale, damit das eigene Leben und das soziale Miteinander funktionieren. Egal ob wir morgens erst einmal unter die Dusche springen „müssen“, um uns wohl zu fühlen, oder ob wir eine Ausarbeitung noch einmal gewissenhaft gegenchecken, ehe wir sie in die Chefetage weiterleiten: Viele Rituale sind durchaus berechtigt und sinnvoll. Ganz anders verhält es sich bei Menschen mit einer Zwangsstörung: ihr Leben wird von sinnlosen, im schlimmsten Fall sogar zerstörerischen Ritualen bestimmt. 

Unheilvoller Teufelskreis

Das Fatale: Obwohl Zwangserkrankten die Sinnlosigkeit und Absurdität ihres Tuns durchaus bewusst ist und sie sich oft sogar für ihr „peinliches“ Verhalten schämen, können sie das Ordnen, Zählen, Nachschauen oder Reinigen nicht lassen. Der Grund: Sie leiden unter extremer innerer Anspannung, oft sogar panischer Angst, beispielsweise vor Keimen, Krankheiten oder Katastrophen. Die seelische Anspannung kann den Körper in Mitleidenschaft ziehen: Zittern, Herzrasen und Schweißausbrüche sind mögliche Folgen, die Betroffene wiederum als extrem bedrohlich erleben.

Jetzt kommt das Ritual ins Spiel, das verhindern soll und kann, dass sich die Anspannung ins Unerträgliche steigert. Sind die Hände endlich 20 Mal „vorschriftsmäßig“ gereinigt, kehrt kurzzeitig das „gute“ Gefühl innerer Ruhe ein. Aber nur so lange, bis der Betroffene wieder mit Schmutz und Keimen konfrontiert wird. Dann steigt die Anspannung wieder – und das Waschritual beginnt von vorn. Ein wahrer Teufelskreis, ein Leben in der Endlosschleife. 

Frauen reinigen, Männer kontrollieren

Schätzungen gehen davon aus, dass bei uns etwa 1,5 Millionen Menschen unter Zwängen leiden. Beide Geschlechter sind gleichermaßen betroffen, wobei Frauen eher mit Wasch-, Männer häufiger mit Kontrollzwängen zu kämpfen haben. Bei vielen tritt die Störung bereits in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter auf, bei manchen sogar schon in der Kindheit.

Denkbare Ursachen für das Leiden gibt es viele: Erbliche und biologische Komponenten scheinen ebenso eine Rolle zu spielen wie möglicherweise auch die Erziehung und die Persönlichkeitsstruktur. So handelt es sich bei Zwangskranken oft um eher ängstliche und unsichere Menschen, die Katastrophen für viel wahrscheinlicher halten als seelisch Gesunde das tun. In schwierigen Lebenssituationen ist die Gefahr dann besonders groß, dass sich derZwang seinen Weg ins Leben bahnt.

Der Angst ins Auge sehen

Verständlich, aber falsch, wissen Experten. Denn Zwangsstörungen lassen sich mittlerweile erfolgversprechend therapieren, je früher, umso besser. Oft hilft Betroffenen eine Kombination aus medikamentöser Behandlung mit Antidepressiva und einer Verhaltenstherapie. Um den Bann des Zwangs zu brechen, müssen sich Patienten genau den Situationen aussetzen, die sie besonders fürchten – beispielsweise mit bloßen Händen in der Mülltonne wühlen, ohne sich anschließend die Hände waschen zu dürfen. Bei dieser Konfrontationstherapie steigt die Angst zunächst dramatisch an. Doch irgendwann erkennen Zwangspatienten, dass die innere Unruhe von ganz allein wieder nachlässt – auch ohne das zwanghafte Ritual durchführen zu müssen.  

(06.03.2012)

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