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Magazin - Wissenschaft
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Neuropathien: sinnlose Schmerzen
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 |  | © BMBF |
Das ist er wieder - dieser brennende, reißende Schmerz, der ihren gesamten rechten Brustkorb erfasst. Seit einer Gürtelrose vor drei Monaten gehören Schmerzattacken zum Alltag von Frau Anika S. Auch leichteste Berührungen der rechten Seite ihres Oberkörpers sind äußerst schmerzhaft, an manchen Tagen erträgt sie kaum die Kleidung auf ihrer Haut.
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Die gesteigerte Berührungsempfindlichkeit zählt neben plötzlich auftretendem Taubheitsgefühl, anhaltenden Ruheschmerzen und der schmerzhaften Reaktion auf harmlose Temperaturreize zu den typischen Symptomen neuropathischer Schmerzen. Sie entstehen, wenn Nerven geschädigt wurden, zum Beispiel als Folge eines Diabetes, durch einen Unfall oder eine Amputation. 60 Prozent aller Menschen, denen ein Körperteil amputiert wurde, leiden unter Phantomschmerzen. Aber auch nach einem Schlaganfall oder einer Gürtelrose, bei der die Erreger der Windpocken, die Varicella-Zoster-Viren, bestimmte Bereiche von Nervenzellen im Rückenmark befallen, können die peinigenden Nervenschmerzen entstehen.
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Häufig nicht erkannt
Eine Untersuchung aus den USA ergab, dass sich nur 30 Prozent der Neurologen zutrauen, neuropathische Schmerzen überhaupt sicher zu diagnostizieren. Viele Patienten durchlaufen daher eine Odyssee, bevor sie in die richtigen Hände gelangen. In Deutschland leiden ca. 20 Prozent aller Schmerzpatienten, die eine Spezialeinrichtung für Schmerztherapie aufsuchen, an nicht ausreichend behandelten neuropathischen Schmerzen. Die Mechanismen, die die Betroffenen hitze-, kälte- oder berührungsempfindlich werden lassen, sind entweder gar nicht oder nur ansatzweise verstanden. „Dabei ist es sehr wichtig zu wissen, welche Mechanismen bei den Patienten Schmerzen hervorrufen", so Professor Thomas R. Tölle von der Technischen Universität München. „Denn trotz gleicher Symptome können im Körper ganz unterschiedliche Vorgänge stattfinden, die auch mit unterschiedlichen Medikamenten behandelt werden müssen. Diese neue Idee wird in der Fachwelt als Mechanismen-orientierte Therapie bezeichnet." Tölle ist zusammen mit Professor Ralf Baron von der Neurologischen Klinik der Universität Kiel Sprecher des Deutschen Forschungsverbundes Neuropathischer Schmerz (DFNS). Der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte Forschungsverbund ist 2002 mit dem Ziel angetreten, die grundlegenden Mechanismen neuropathischer Schmerzen zu erforschen und entsprechend dem Leitgedanken der Mechanismen-orientierten Therapie zügig in Ergebnisse umzusetzen, die den Patienten zugute kommen.
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Heiße Chilischoten und kühles Menthol
Der Schmerz, den wir empfinden, wenn wir auf eine heiße Herdplatte fassen oder etwas Eiskaltes berühren, wird über dünne Nervenfasern, die C-Fasern vermittelt. Außerdem wissen Wissenschaftler bereits, dass beim Kälteempfinden auch dicke, so genannte A-Fasern aktiv sind. Aus tierexperimentellen Untersuchungen ist bekannt, dass A- und C-Fasern Messfühler haben (Rezeptoren), die nicht nur durch Hitze und Kälte erregt werden, sondern auch durch einen Extrakt aus der Chilischote (Capsaicin) und durch Menthol. Das kühle, erfrischende Gefühl, wenn man ein Mentholbonbon lutscht und das scharfe Brennen nach dem Biss auf ein Stück Chili lassen sich so erklären. Professor Ralf Baron und seine Kieler Arbeitsgruppe nutzen diese Phänomene, um die Mechanismen aufzuklären, die sich hinter der gesteigerten Temperatur- und Berührungsempfindlichkeit bei Personen mit neuropathischen Schmerzen verbergen. „Das Besondere an unserem Projekt ist, dass wir die Erkenntnisse aus tierexperimentellen Studien unmittelbar in die klinische Schmerzforschung beim Menschen übertragen", sagt Baron. Hierzu haben die Forscher ein Testmodell mit gesunden Probanden entwickelt. Die Ergebnisse sind beeindruckend: Spontan brennende Schmerzen, Kälte- oder Hitzegefühle und eine gesteigerte Berührungsempfindlichkeit - Menthol und Capsaicin riefen genau die Symptome hervor, unter denen Patienten mit neuropathischen Schmerzen leiden. „Als nächstes möchten wir diese Untersuchung bei Schmerzpatienten durchführen, um herauszufinden, welche Mechanismen bei ihnen aktiviert sind", erklärt Baron.
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Kleine Stiche, große Schmerzen
Auch Professor Christoph Maier von der Ruhr-Univer sität Bochum arbeitet an den Mechanismen neuro pathischer Schmerzen. Er ist Leiter einer klinischen Studie, die von allen Teilnehmern im Netzwerk durch geführt wird und widmet sich dabei einem seltenen Symptom: der mechanischen Hyperalgesie. Schon einfache Berührungsreize, zum Beispiel das Pieksen mit einer Nadel, lösen bei Patienten mit diesem Symptom äußerst starke Schmerzen aus. In getrennten Studien untersuchen alle Arbeitsgruppen aus dem Forschungsverbund in einem weltweit einmaligen Multicenter-Projekt die Wirkung verschiedener Medikamente, etwa ob sie die Berührungsempfindlichkeit der Patienten senken oder den Ruheschmerz lindern. Die Studienteilnehmer erhalten entweder ein Placebo oder das jeweilige Medikament. Dabei können sie jederzeit, zum Beispiel sobald ihre Schmerzen zunehmen, aus der Studie aussteigen. "Wenn die Abbruchrate in der Placebo-Gruppe am größten wäre, hätte man einen weiteren Beleg dafür, dass das getestete Medikament wirksamer ist als das Placebo", erklärt Maier. Da die Medikamente alle an unterschiedlichen Stellen im schmerzverarbeitendem System angreifen, hofft Maier aus den Ergebnissen ableiten zu können, welche Mechanismen bei den Patienten mit mechanischer Hyperalgesie aktiv sind und ob diese sich eventuell je nach der im Einzelfall vorliegenden Grunderkrankung unterschieden.
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(13.07.2006)
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