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Peritonealdialyse - Rettung für Neugeborene mit Nierenversagen

Peritonealdialyse - Rettung für Neugeborene mit Nierenversagen
© Aktion Meditech / www.aktion-meditech.de
Vor drei Jahren kam Gabriel Schneider in Tübingen mit Nierenversagen zur Welt. Für den Neuge­borenen bestand Lebensgefahr, weil sein Blut nicht von den körperei­genen Giftstoffen gereinigt werden konnte.

Langfristig war Gabriels einzige Überlebenschance die Transplantation einer neuen Niere. Fast drei Jahre hat es gedauert, bis ein geeignetes Spenderorgan gefunden wurde und Gabriel kräftig genug für den Eingriff war. Die bange Zeit bis zur Transplantation hat Gabriel dank eines schonenden Blutwä­scheverfahrens, der Peritonealdialyse, überstanden. Eine neue Soft­ware erlaubt jetzt erstmals auch die gezielte Anwendung der automa­tischen Variante dieser Nierenersatztherapie bei Säuglingen und Kleinkindern.

Die automatische Art der Dialyse

Die automatische Art der Dialyse
© Aktion Meditech / www.aktion-meditech.de

Bei der Geburt wog Gabriel nur zwei Kilo. Er wurde sofort auf die Intensiv­station verlegt. Schon während der Schwangerschaft war durch Ultraschall festgestellt worden, dass seine Harnröhre verengt war: Der Urin staute sich bis in die Nieren zurück, so dass die normale Entwicklung der Nieren nicht möglich war. Die Ärzte machten den Eltern zunächst wenig Hoffnung auf Gabriels Überleben. Die bei Erwachsenen übliche Blutwäsche per Hämodialyse kam nicht in Frage, weil die Belastung für den Kreislauf eines Neuge­borenen viel zu groß ist. Deshalb wurde die Fehlfunktion der Niere per Peritonealdialyse ausgeglichen. Allerdings waren die zulässigen Dialysatmen­gen so gering, dass eine Krankenschwester alle halbe Stunde das ver­brauchte Dialysat aus dem kleinen Bauch auslaufen lassen und durch fri­sches Dialysat ersetzen musste - ein sehr aufwendiges Verfahren, das nicht über Wochen und Monate durchzuführen ist. Eine schwere Zeit für Gabriels Eltern: „Wir hatten furchtbare Angst, dass unser Kind nicht durchkommen wird." Dr. Oliver Amon, Spezialist für Kinderdialyse an der Tübin­ger Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, gab der Familie neue Hoffnung. Er empfahl für Gabriel die Behandlung mit der automatischen Peritonealdialyse. Statt einer Krankenschwester übernimmt hier ein Auto­mat, der so genannte Cycler, den Wechsel des Dialysats. Die Erfolge stell­ten sich schnell ein: Gabriels Zustand stabilisierte sich, er nahm rasch Ge­wicht zu und konnte schon nach sechs Wochen aus dem Krankenhaus ent­lassen werden. Die Eltern hatten eine intensive Schulung bekommen, um die Behandlung täglich fortsetzen zu können. Doris Schneider: „Zu Beginn hatten wir ein wenig Angst vor der Technik und dem Aufwand, der mit der Behandlung verbunden ist. Aber wir haben uns schnell daran gewöhnt und waren so glücklich, Gabriel zu Hause zu haben!"

Gabriel „verschlief

Dialyse ist ein anderes Wort für Blutwäsche - eine lebenswichtige Aufgabe, die normalerweise die Nieren erfüllen. Die Peritonealdialyse (Peritoneum = Bauchfell) nutzt die natürlichen Eigenschaften des Bauchfells, um das Blut zu filtern und zu reinigen. Über einen kleinen Katheter wird die Dialyselösung direkt in den Bauchraum eingelassen. Hier nimmt sie die schädlichen Stoffe auf, reinigt also das Blut, wird nach einigen Stunden über den Kathe­ter abgelassen und gegen frische Lösung ausgetauscht. Diese Prozedur wird mehrmals täglich wiederholt. Weil die Peritonealdialyse weitgehend der natürlichen Arbeitsweise der Niere entspricht, ist sie schonend und auch für Kinder geeignet: Der Kreislauf wird weniger belastet und das Infek­tionsrisiko ist geringer als bei der Hämodialyse.

Um Gabriel das Leben so leicht wie möglich zu machen, setzte Dr. Amon den Cycler in der Nacht ein. Das Gerät ist so effizient, dass nach der Dialy­se noch Zeit für ein normales Leben bleibt. „Gabriel verschlief seine Dialyse im wahrsten Sinne des Wortes. Alles wurde nachts geregelt - so hatte er tagsüber Zeit, sich zu bewegen und altersgemäß zu entwickeln", beschreibt Dr. Amon den Nutzen des Gerätes.

Um den Cycler individuell zu steuern, wurde erstmals in Europa eine spe­zielle Software verwendet: „Erst die neue Software ermöglicht die Anwen­dung der automatischen Peritonealdialyse bei Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern. Schon ab kleinen Füllmengen von 60 ml können jetzt die­se Kinder zu Hause sicher dialysiert werden." Das konnte bisher nur in der aufwändigen kontinuierlichen Peritonealdialyse (CAPD) geleistet werden, bei der die Dialyselösung von Hand gewechselt werden muss. Zum Ver­gleich: Erwachsene haben eine Füllmenge von 1.500 bis 2.500 ml.

Der Einsatz hat sich gelohnt - heute hat Gabriel eine neue Niere

Doris und Christoph Schneider haben sich schnell daran gewöhnt, die au­tomatische Peritonealdialyse selbständig durchzuführen. So konnte Gabriel ein fast normales Leben führen. Zum Glück, denn „körperliche und geistige Entwicklungen, die Kinder in dieser Zeit nicht durchlaufen, können sie spä­ter nicht mehr aufholen", so Dr. Amon. Gabriel entwickelte sich so gut, dass seine Eltern schon bald mit ihm - und natürlich der Peritonealdialyse-­Ausstattung - in Urlaub fahren konnten. Vor wenigen Monaten hat Gabriel ein Schwesterchen bekommen, und kurz darauf wurde für ihn eine passen­de Spenderniere gefunden! Die Eltern sind froh, dass der inzwischen Drei­jährige die Operation gut verkraftet und sich zu einem quicklebendigen Jungen entwickelt hat. Rückblickend wollen sie allen Eltern und Betroffenen Mut machen: „Es ist keine Kleinigkeit, die Dialyse selbständig durchzufüh­ren - aber wenn man die Aufgabe und die Umstände annimmt, lebt es sich viel leichter. Und es lohnt sich!"

(03.06.2005)

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